thomann.de – Online-Shop von Musikalienhändler Thomann

Europas größtes Musikhaus im Usability-Check

Patrick Schumacher · November 2017 in Expertise

Der heiße Scheiß von damals

Dieser Artikel gehört zu unserem Frühwerk, das bedeutet: Damals waren die beschriebenen Sachverhalte aktuell, jetzt haben sie wahrscheinlich schon etwas Staub angesetzt.

In Zeiten des Internets ist es einfacher denn je, seine Wünsche zu erfüllen und Weihnachtsgeschenke zu besorgen. Der Online-Handel boomt. Mit Platzhirsch Amazon wird es schwer, eigene Shops erfolgreich an den Mann zu bringen. Lange im Geschäft ist das Musikhaus Thomann. Dieses hat sich den Konkurrenten Amazon zum Vorbild genommen.

Thomann gehört zur Spitze der internationalen Musikalienhändler. Von der Gitarre bis zur DJ-Software gibt es dort alles, was das Musikerherz begehrt. Ihr Claim: Thomann loves you, because you rock! Wir schauen uns den Onlineversandhandel des Musikhauses an und prüfen, ob Thomann seine User wirklich liebt.

Erster Eindruck – Willkommen zu Hause!

Mit dem Thema Musik verbinden wir emotionale Bildwelten, verknüpft mit interessanten Instrumenten, aber auch technischen Spielereien. Beim Aufrufen der Website werden wir da allerdings enttäuscht. Der Online-Shop ist sehr klassisch gehalten: Uns springt ein relativ schmal gehaltener Bild-Slider mit Fotos von aktuellen Angeboten ins Auge. Die Fotos darin sind teilweise in Szene gesetzt, teilweise aber auch klassisch in einen farbigen Hintergrund retuschiert.

Betitelt ist die Startseite mit „Willkommen zu Hause!“. Nett, doch zum Wohlfühlen fehlt uns doch etwas an Emotion. Oder fehlt uns das Musikerherz?

Usability

Wir gehen über zum Usability-Check. Gelingt die Bedienung von thomann.de auch für weniger musikaffine User?

Navigation

Die Navigation von thomann.de ist sehr aufgeräumt. Mittig unter dem Logo finden wir vier Hauptkategorien: Hot Deals, Top-Seller, Schnäppchen und Neuheiten. Wir wundern uns als Neukunde allerdings, worin der Unterschied zwischen „Hot Deals“ und „Schnäppchen“ liegt. Erst auf der Hot Deals-Seite wird uns erklärt, dass mit „Thomann Hot Deals“ das wöchentlich in Millionenauflage erscheinende Werbeprospekt gemeint ist und bei Schnäppchen eigentlich eher Restposten verkauft werden. Hier tut – gerade für Neukunden – eine klarere Bezeichnung der einzelnen Seiten gut.

Nun aber zurück zur Navigation. Links vom Logo angeordnet ist ein praktisches Suchfeld, zu dessen Funktionalität wir später noch kommen. Darüber finden wir Verknüpfungen zu Kontakt und Hilfeseiten.

Auch in dieser Liste befindet sich der Eintrag „Menü“. Unscheinbar in der Gestaltung verweist der Link zu vielen weiteren Inhalten von Thomann, die so in der Shop-Navigation keinen Platz mehr gefunden haben. Es öffnet sich ein Overlay mit Links zu Informations- und Service-Seiten und weiteren Thomann-Themen. Navigiert man weiter, wird das Menü, das zuvor den Charakter einer mobilen Navigation hatte, dreispaltig. An dieser Stelle würden sich Pfeile anbieten, um dem User klar zu machen, dass sich hinter den Links weitere Einträge befinden. Eine noch bessere Alternative wäre es, den zusätzlichen Klick zu verhindern und sämtliche Einträge tabellarisch darzustellen – zumindest in der Desktop-Ansicht. Auch halten wir es für ratsam, die Navigationspunkte „Service-Bereich“ und „Service“ zusammenzufassen, denn thematisch scheint es keine Unterschiede zu geben und teilweise wiederholen sich die darin enthaltenen Links.

Wir schließen das Menü und blicken auf die rechte Seite der Navigationsleiste. Hier finden wir – typisch für einen Online-Shop – die Möglichkeit zur Anmeldung, eine Wunschliste und den Warenkorb, zusätzlich einen Land- und Sprachwähler. Diese Menüpunkte sind mit passenden Icons gestaltet und öffnen sich per Dropdown, wodurch das Anmelden und schnelle Betrachten der Einkäufe sehr erleichtert wird. Hat man erstmal Produkte auf seine Wunschliste vermerkt oder in den Warenkorb platziert, wird dies durch ein orangeroten Hinweis markiert, wie wir später merken werden. Das gefällt uns.

Die interessanteste Navigation ist aber wohl die Kategorieleiste, die sich horizontal unter den anderen Menüpunkten erstreckt. Hier haben wir eine Auswahl zwischen Musikinstrumenten wie Gitarre/Bass, Drums etc, sowie Licht- und Dj-Equipment bis hin zu Kabel und Zubehör. Übersichtlich und funktional, so dass der Musikliebhaber direkt zu seiner Fachabteilung gelangen kann. So sollte es sein.

Text, Sprache und Tonalität

Wenn wir uns die Texte auf thomann.de genauer anschauen, fallen uns einige Unregelmäßigkeiten auf. Wird der Besucher beispielsweise auf der Startseite mit einem Sie angesprochen („In Europas größtem Musikhaus finden Sie…“), wechselt es an anderen Stellen zu einem Du („Werde auch du Fan von uns auf Facebook…“). Auch im Blog scheint diese vertraulichere Tonalität zu herrschen. Hier wäre eine einheitliche Ansprache im Deutschen sehr sinnvoll.

Weitere Irritation gibt es bei der Benennung der Wunschliste, wird diese doch auf der Produktseite selbst „Merkliste“ genannt, was vertrauter, aber tendenziell als weniger emotional empfunden wird. Auch der Service-Bereich von Thomann irritiert: Der Unterschied zwischen „Service-Bereich“ und „Service“ ist dem Kunden nicht klar, denn letztendlich überschneiden sich viele Einträge in den beiden Navigationspunkten. Das kann zu Orientierungsproblemen führen.

Funktionalitäten

Thomann bietet alles, was man sich von einem Online-Shop wünscht. Neben einer großen Auswahl an Produkten bietet die Seite verschiedene Filter an. So kann man Neuheiten erkunden, Schnäppchen entdecken und Trends durchstöbern. In Kombination mit den verschiedenen Kategorien, unterteilt in Instrumentenfamilien und Fachabteilungen, kann sich der User recht schnell orientieren.

Um schnell zum Ergebnis zum kommen, lohnt sich die Suche. Positiv zu bewerten ist hier die direkte Vorschlagsfunktion, die beim Eintippen aufklappt. Uns werden direkt Hersteller, Produkte und Shop-Kategorien aufgelistet, die zur Eingabe passen. Auf der Suchergebnisseite an sich können wir die Suchergebnisse nachträglich nochmals Filtern und beispielsweise eine Preisspanne eingeben. Auch die Sortierreihenfolge und Darstellungsansicht können wir bequem ändern.

Will man sich nun als Amateur beispielsweise eine Gitarre zulegen, bietet thomann.de einen Einsteiger-Filter auf der Kategorie-Seite selbst ab, der zum Beispiel passende Gitarren je nach Alter des Users anzeigt. Hat man allerdings ohne diesen Filter eine Gitarre gefunden, wird dem User nicht mehr direkt signalisiert, ob sie sich für Einsteiger überhaupt eignet.

Hier muss man sich dann wohl auf die Kommentare von anderen Kunden verlassen. Als angemeldeter User ist es möglich, ausführliche Rezensionen zu schreiben und die Produkte zu bewerben. Das Versprechen von Thomann: Nur User, die ein entsprechendes Produkt gekauft haben, wird die Möglichkeit gegeben, darüber zu schreiben. Dafür ist dann allerdings ein Login notwendig – während im Übrigen eine Bestellung auch ohne Anmeldung möglich ist.

Hat man nun trotz Produktbeschreibung und MP3-Soundprobe immer noch Fragen zum Produkt, steht Thomann mit einem breit aufgestellten Support-Team bereit. So ist bei jeder Kategorie ein Ansprechpartner-Team aufgelistet mit direkter Kontaktadresse und Durchwahlnummer. Auch ein Live-Chat ist ab und zu unten rechts am Fenster aufgetaucht, der allerdings in unserem Test nicht besetzt war.

Der Bestellprozess von thomann.de erweist sich als sehr einfach. Hat man seinen Warenkorb gefüllt, geht man zur Kasse. Hier haben wir auf einer einzigen Seite ein Formular für Anschrift und Kontaktdaten sowie Zahlungsart. Ohne weitere hinauszögernde Schritte können wir so ohne Anmeldung unsere Gitarre bestellen. Da könnte sich selbst Amazon eine Scheibe abschneiden.

Gestaltung

Nachdem uns die Usability von thomann.de vor allem in der Funktionalität überzeugen konnte, schauen wir bei der Gestaltung etwas genauer hin.

Ästhetik und Stil

„Konventionell“ und „vertraut“ sind die beiden Adjektive, die uns als erstes einfallen, wenn es um das Beschreiben des Stils von thomann.de geht. Wir haben ein klassisches Shop-Layout vor uns, mit vertrauten Elementen und Anordnungen.

Gut zu sehen ist das beispielsweise auf der Produktseite: Links das Produkt mit Bild und Informationen, rechts Produktvariationen, Preis und Funktionen zum Warenkorb und der Merkliste. Zwischendurch immer mal wieder Produktangebote, Empfehlungen und Schnäppchen.

Dieses vertraute Verhältnis ist als durchaus positiv anzusehen, da es den User gleich abholt. Uns hätte es dennoch gefreut – gerade bei einem Shop, der Musiker als Zielgruppe hat – einen etwas mutigeren Stil zu wagen. Mehr Farben, vereinzelt mehr Weißraum, ein größeres Schriftbild und vor allem emotionalere Bilder. Doch dazu jetzt ein paar detailliertere Ausführungen.

Farben und Kontraste

thomann.de wirkte bereits beim Betreten der Seite sehr konventionell. Es dominiert der Schwarz-Weiß-Kontrast über die ganze Seite hinweg. Farbe ins Spiel kommt überwiegend durch Bilder der Produkte, vereinzelte CTA-Buttons und Icons. Vor allem der Fußbereich ist durch diverse Brand-Logos sehr viel bunter als der Rest.

Obwohl im Corporate Design von Thomann ein Türkis-Ton zu finden ist (vergleiche Logo und Favicon), taucht die Farbe auf der gesamten Website ansonsten nicht auf. Schaltflächen sind überwiegend nüchtern grau, Links erscheinen in schwarzer Textfarbe. Erst beim Mouseover über einem klickbaren Link ändert sich die Farbe in einen Blauton, allerdings unterscheidet sich dieser von der restlichen Corporate Design von Thomann.. Navigieren wir weiter in den Shop und landen auf einer Produktseite, merken wir eine verblüffende Ähnlichkeit zu Amazon. Das CTA-Element „In den Warenkorb“ ist farblich am Amazon-Shop angelehnt, Sternebewertungen der Rezensionen erscheinen ebenfalls in einem Gelb-Ton.

Thomann verpasst damit die Chance, das eigene Corporate Design zu stärken und seinen Shop in diesen Farben zu branden. Zwar wird dem User durch die Parallele zu Amazon eine vermeintlich vertraute Online-Shop-Umgebung präsentiert, doch fällt dadurch die Identifikation mit Thomann schwer. Besser macht es da der zum Unternehmen gehörende t.blog, der die Farben des CDs aufgreift, so dass klar identifiziert wird, dass es sich um einen Thomann-Auftritt handelt.

Typografie und Schriftbild

Der Online-Shop von Thomann nutzt die lizenzfreie Open Sans-Schriftfamilie, welche sich durch klare Buchstaben und eine gute Lesbarkeit auszeichnet. Überschriften können sich gut von Fließtexten abgrenzen. Die Fließtexte an sich wirken vor allem auf großen BIldschirmauflösungen relativ klein, sind aber noch gut lesbar.

Technik

Shop-Software

Der Shop bietet alle relevanten Funktionalitäten, die ein Online-Shop auch benötigt. Soweit von außen beurteilt, ist der Großteil des Templates selbst entwickelt worden, was einen qualitativ hochwertigen Eindruck macht. Über das Einpflegen der Inhalte können wir keine Angaben machen.

Auch in Sachen Performance kann thomann.de überzeugen. Die Seiten laden in unserem Test verlässlich zügig. Einzelne Module und Bilder laden nachträglich nach, was an einer kleinen Ladeanimation gut signalisiert wird.

In unserem Test konnten wir zudem keinerlei Fehler feststellen undalles funktionierte wie gewünscht.

Mobile vs. Desktop

Der Online-Shop von Thomann nutzt, wie viele Shops, für mobile Geräte eine eigenständige Version. Es wird auf eine responsive Ansicht verzichtet, um mobil ein differenziertes Layout anzubieten. Das ist im Grunde genommen für Shops keine schlechte Entscheidung, birgt allerdings Risiken.

Gerade die Navigation ist in der mobilen Variante nochmals anders aufgebaut als in der Desktop-Ansicht. Im klassischen Hamburger-Menü werden zwar bekannte Links aufgelistet, doch hat sich die Reihenfolge geändert und die Gruppierung von zusammengehörigen Einträgen fehlt. Auch kommen mobil dadurch andere Icons für beispielsweise die Wunschliste oder den Warenkorb zum Einsatz. Hinzu kommt, dass mobil interessante Funktionen, wie beispielsweise der Einsteiger-Filter bei den Gitarren, entfallen.

Eine User Journey, die über mehrere Geräte hinweg geht, wird so erschwert.

Fazit

thomann.de ist ein Shop für Musikliebhaber. Man findet schnell das Instrument inklusive Zubehör, das man sucht. Auch für Musiklaien fällt der Einstieg durch Hilfsmittel wie den Einsteiger-Filter recht leicht. Findet man mal nicht weiter, glänzt Thomann mit einem herausragenden Support – als Live-Chat oder klassisch per Telefon und E-Mail. Und hat man schließlich seinen Warenkorb gefüllt, funktioniert der weitere Bestellprozess auch sehr einfach.

Von Usability-Sicht ist thomann.de ein gelungener Shop, lediglich in Sachen Gestaltung muss das Unternehmen überdenken, ob es den Online-Shop nicht mehr in sein Corporate Design integrieren möchte.

Sorry, kurze Unterbrechung.
Geht sofort weiter.

Wir lieben alle User, auch Sie. Deshalb wollen wir unsere Inhalte noch besser zuschneiden.
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Vielen Dank!