Liebe und Flausch auf der re:publica 2017!

Für helllicht auf Europas größter Digitalmesse in Berlin — re:cap der re:publica 2017

Patrick Schumacher · Mai 2017 in Digitale Welt

Vom 8.-10. Mai hat die re:publica zur elften Ausgabe ihrer Messe eingeladen. Tausende Nerds aus diesem ominösen „Internet“ trafen sich in Berlin und tauschten sich über aktuelle Trends und Themen der Digitalbranche aus. Diesmal stand die Veranstaltung ganz unter dem Motto „LOVE OUT LOUD“. Ich war für helllicht live vor Ort und berichte von meinen Eindrücken.

Müsste ich die diesjährige re:publica in drei Adjektiven zusammenfassen wären es wohl „inspirierend“, „flauschig“ aber auch „anstrengend“. Ja, ich war nach drei Tagen wirklich platt. Zwar sind mir Großveranstaltungen wie Konzerte und Festivals nicht fremd — diese Konferenz war aber wahrlich nicht nur Zuckerschlecken.

Doch eins nach dem anderen: Was ist eigentlich die re:publica? Die re:publica findet alljährlich in Berlin statt und zählt zu den weltweit wichtigsten Konferenzen zu den Themen der digitalen Gesellschaft. Dort anzutreffen sind nach eigenen Angaben „AktivistInnen, WissenschaftlerInnen, HackerInnen, UnternehmerInnen, NGOs, JournalistInnen, BloggerInnen, Social Media- und Marketing-ExpertInnen und viele mehr.“

Entsprechend vielseitig ist auch das Programm der Veranstaltung gestrickt. Es war zwar bereits meine zweite re:publica, doch wie schon bei meiner ersten Konferenz war ich wieder einmal überwältigt von der Fülle an Themen und Sessions der re:publica. Mehr als 1.000 Speaker verteilt auf 13 Stages und dutzenden Nebenschauplätzen in drei langen Tagen. Holla, wer soll sich da entscheiden können!

Mit dem Thema „LOVE OUT LOUD“ trafen die Veranstalter dieses Jahr den Zahn der Zeit. Hate Speech und Fake News machen sich im Internet breit. Immer mehr Ungerechtigkeit und Gewalt findet man in den Kommentarspalten. — Zeit für mehr Liebe und mehr Flausch.

Ein paar Eindrücke

Die re:publica ist mittlerweile so groß, dass man — wenn man viel mitnehmen möchte — viel laufen muss. Nicht alle Bühnen liegen nebeneinander. Muskelaufbau für die Beine, yes! Und die Verteilung ist auch nicht immer berechenbar. So fand ich mich oft in überfüllten Räumen ohne Sitzplatz wieder. Um so wichtiger ist es sich morgens bei der Tasse Tee einen genauen Plan zu machen, welche Sessions sich lohnen könnten. Doch ein Tipp: Vertraut niemals den re:publica-Apps, wenn auf dem analogen Plan etwas anderes ausgewiesen ist!

Doch jetzt zum Inhaltlichen…

Barrierefreies Web…

Die erste Session der diesjährigen re:publica hat mich zu einem Workshop von Domingos de Oliveira und Saskia Bader geführt. Obwohl diese Session als Workshop deklariert war, mündete sie in einem Vortrag, denn der Raum war gut besucht. Die beiden Referenten sind blind. Dennoch oder gerade deshalb selbstbewusst zeigten uns die beiden, wie sie trotz Sehbehinderung mit Webinhalten interagieren. Gleichzeitig erläuterten sie Basics, um das Web ein Stück weit zugänglicher für Menschen mit Behinderung zu machen. Ich war und bin beeindruckt.

Größte Erkenntnis dabei: Barrierefreie Websites sind nicht gleich barrierefrei! Als Verkaufsargument kommt der Begriff Barrierefreiheit vielleicht gut an, wirklich gut umgesetzt ist es aber selten. Oftmals hakt es an Web-Elementen, die eine Interaktion fordern: Bestes Beispiel dafür sind Formulare — Egal ob als einfache Kontaktmöglichkeit oder komplizierter Kaufvorgang: Sehr oft sind diese ohne fremde Hilfe nicht auszufüllen, da es an Feedback fehlt, wenn Felder nicht ausgefüllt wurden oder Captchas für Blinde unmöglich zu lösen sind. Auf jeden Fall eine interessante Thematik, auf die ich in einem späteren Blog-Post gerne näher drauf eingehen möchte.

Polizei im Social Web…

Viele Sessions der re:publica sind auf ihrem YouTube-Kanal hochgeladen.
Zum zweiten Tag bleibt mir ein Panel rund ums Thema „Polizeiarbeit im Social Web“ im Gedächtnis. Alexa Brand ist der Meinung, das Netz wird inzwischen von „Hetze, Verleumdung und Diskriminierung dominiert. Von schlechter Kommunikation.“. Die Polizei hingegen versucht in letzter Zeit diese Kommunikation positiver zu gestalten. Längst werden nicht nur Fahndungsfotos von der Polizei gepostet. Spaß und Interaktion mit den Menschen hat seinen Einzug in die Kommunikation der Polizei gefunden, wenn auch glücklicherweise im Ernstfall der Ernst nie ausbleibt. Dafür arbeiten die Social Media/PR-Abteilungen stets eng mit den Verantwortlichen der Krisenkommunikation zusammen, um besorgte Bürger bei Attentaten oder ähnlichem gewissenhaft zu informieren. Der Kommunikationsweg ist so viel kürzer, als es früher ohne Social Media war.

Im Panel vertreten war neben Katharina Kleinen-von Königslöw, Kommunikations-Expertin, auch Kriminologe Thomas-Gabriel Rüdiger und André Karsten, Polizist und Social Media Manager der Polizei Frankfurt.

Erkenntnisse des Panel-Gesprächs: In Deutschland hinken wir in Sachen Polizeipräsenz im Web im internationalen Vergleich nach. Zwar ist mittlerweile jede Landes-Polizei in den sozialen Medien vertreten, doch sind diese noch nicht alle greifbar. Die Niederlande beispielsweise arbeitet längst mit individualisierten Polizeiaccounts, damit besorgte Bürger direkt mit einem Polizisten über WhatsApp kommunizieren können.

Meinung der Experten: Mehr Polizeipräsenz im Netz kann Hate Speech im Netz gegensteuern. Hierzu gehören auch Regularien und Gesetze. Rüdiger zeigt dies mit seiner Broken-Web-Theorie: Wird auf strafrechtlich-relevante Aktivitäten nicht reagiert, gibt es keine Schutzmechanismen und Hate-Speech, Missbrauch etc. kann sich durchsetzen, da es eben keine Strafverfolgung gibt. Darüber muss diskutiert werden.


Virtual Reality…

Den dritte Tag widmete ich mehr den Austellungen in der Messe, die als Nebenschauplatz der Konferenz-Sessions überall auf dem Gelände verteilt waren.

War letztes Jahr noch Snapchat der geheime Star der re:publica dominierte dieses Mal das Thema Virtual Reality an vielen Ständen. Es ist in Mode sich in virtuelle Realitäten zu flüchten. ZDF, WDR, Samsung, PlayStation. Alle hatten sie ihre VR-Brillen dabei und die Messebesucher probierten diese gerne aus.

Fotos: re:publica/Gregor Fischer — (link: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/ text: Bestimmte Rechte vorbehalten [CC BY-SA 2.0])

Haben erste Versuche bereits in den 90er Jahren begonnen ist der Hype um die virtuelle Welt heute größer denn je. Und das nicht nur in der Gaming-Industrie. Klar konnte man Spielereien auf der PlayStation 4 ausprobieren oder eine virtuelle Achterbahn herunterfahren, um einen ersten Eindruck der Parallelwelt zu bekommen. Doch wirklich begeistert haben mich Projekte von NGOs, die beispielsweise Unterwasserwelten nachbauten um darin zu forschen oder die öffentlich-rechtlichen, die beeindruckende Dokumentationen VR-reif gemacht haben. Auch wenn die Technologie noch immer in den Kinderschuhen steckt, Potential haben VR-Erlebnisse allemal.

Als Medienschaffende und UI-Experten ist es wichtig diese neuesten technischen Entwicklungen im Auge zu behalten, um vorbereitet zu sein, wenn die klassischen Interfaces und Bedienprinzipien an Bedeutung verlieren.

Nächstes Jahr gerne wieder…

Spannende Themen hatte die re:publica zuhauf. Leider muss man aber auch sagen, dass nicht alle Sessions einen Mehrwert baten. Oftmals kamen die übermittelten Inhalte nicht dem bloßen Vermitteln von Selbstverständlichkeiten hinaus. Gerade in den Sessions der parallel stattfindenden Media Convention ging es zeitweise arg werblich her. Schade.

Was ich mitnehmen kann:

  • Medien sollten für alle zugänglich sein. Gerade im World Wide Web gibt es da noch Handlungsbedarf, was z. B. Barrierefreiheit angeht.
  • Als Webworker ist es wichtig, sich mit branchenübergreifenden Themen auseinanderzusetzen. Die re:publica ist dabei eine sehr inspirierende Veranstaltung um andere Sichtweisen kennenzulernen und neue Ideen zu entwickeln.
  • Neue Technologien wie Virtual und Augmented Reality sind im Vormarsch. Bereits heute lässt sich damit Beeindruckendes bewerkstelligen. Das wird unser alltägliches Leben und unsere Kommunikation erheblich beeinflussen.
  • Wir alle arbeiten täglich mit dem Internet. Hass und Ungerechtigkeit ist da genauso ungern gesehen wie im analogen Leben. So offen unser Web auch sein soll, man muss sich Gedanken über Regularien und Schutzmechanismen machen. Für mehr Liebe im Netz.

Und wie immer bleibt die Frage, ob man interessantere Sessions verpasst hat, während man im falschen Vortrag saß. Eines ist aber keineswegs abzustreiten: Die re:publica bleibt eine inspirierende Veranstaltung mit faszinierenden Menschen und guten Vorträgen.

Ich komme wieder. Bis nächstes Jahr, re:publica.